Aus dem Gespräch mit Leiterin des Leuphana LawLabs: Rojda Tosun
Recht neu denken: Wie das Leuphana Law Lab Legal Design in die juristische Ausbildung bringt
Wenn man Jura studiert, wird einem früh beigebracht, dass Recht etwas Festes ist. Paragrafen werden ausgelegt, historisch eingeordnet, teleologisch reduziert. Man folgt bekannten Schritten, die seit Jahrzehnten unverändert sind. Doch was passiert, wenn man irgendwann merkt: Dieses Verständnis von Recht reicht nicht aus? Was, wenn man spürt, dass die Welt komplexer ist als ein Gutachtenstil – und dass Recht mehr sein könnte als nur Anwendung?
Genau dort beginnt die Geschichte der Leiterin des Leuphana Law Labs. Als wir darüber sprachen, erzählte sie offen, wie sie schon im Studium das Gefühl hatte, dass ihr etwas fehlte. Das juristische Denken war faszinierend, aber gleichzeitig frustrierend. Sie mochte es, mit Recht die Welt besser zu verstehen. Und doch fragte sie sich ständig: Wie entsteht Recht eigentlich? Wie wirkt es in der Gesellschaft? Und kann man damit wirklich etwas bewirken?
Diese Fragen wurden zum roten Faden ihrer beruflichen Entwicklung.
Vom klassischen Studium zur Idee von Gestaltung
Sie hat ein klassisches Jurastudium absolviert, fünf bis fünfeinhalb Jahre bis zum ersten Examen. Viel Auslegung, viel Theorie, wenig Raum für Kreativität oder gesellschaftliche Fragen. Sie beschreibt diese Zeit als intellektuell bereichernd, aber emotional unerfüllt. Die gängigen Methoden ließen kaum zu, über die Grenzen des Textes hinauszudenken. Gerade Themen wie Rechtstheorie oder die gesellschaftliche Wirkung von Recht kamen kaum vor, obwohl sie genau dort ihre Neugier spürte.
Rückblickend wird deutlich, dass sie juristische Gestaltung schon viel früher praktizierte, ohne es so zu nennen. 2010 gründete sie einen Jugendverein, der mit migrantischen Communities arbeitete und versuchte, deren Bedürfnisse in politische Prozesse zu übersetzen. Damals dachte sie nicht an Konzepte wie Legal Design, sondern wollte schlicht Räume schaffen, in denen Menschen gehört werden. Heute erkennt sie darin ihren ersten Schritt rechtlicher Gestaltung: Perspektiven sichtbar zu machen, die sonst übersehen werden.
Die späte Begegnung mit dem Begriff „Legal Design“
Den Begriff selbst lernte sie erstaunlich spät kennen. Sie befand sich im zweiten Staatsexamen, war ausgelaugt von der Examensvorbereitung und gleichzeitig auf der Suche nach einem anderen Zugang zum Recht. Bei der Recherche zu „innovativem Recht“ stieß sie zuerst auf Legal Tech und dann langsam auf Legal Design. Was zunächst wie ein weiterer Trend wirkte, entpuppte sich als das fehlende Puzzleteil: die Verbindung von Recht, Gestaltung und gesellschaftlicher Wirkung.
Richtig greifbar wurde dies, als sie die Chance erhielt, in einem Projekt mitzuarbeiten, das direkt unter der Schirmherrschaft der damaligen Bundeskanzlerin lief. Es ging darum, wie Gesetze anders entstehen können – interdisziplinär, nutzerorientiert, experimentell. Sie war die einzige Juristin im Team und erkannte plötzlich, wie wichtig juristische Expertise ist, wenn man sie nicht nur zur Auslegung, sondern zur Gestaltung einsetzt. Dieses Erlebnis war für sie eine Bestätigung: Recht kann verändert werden, wenn man mutig genug ist, es als Prozess zu verstehen.
Ein weiterer prägender Moment folgte, als sie im Rahmen eines Fellowships internationale Legal-Design-Communities kennenlernte. Besonders inspirierte sie die Arbeit von Jules aus Boston, die Kunst, Recht und gesellschaftliche Transformation miteinander verbindet. Dort verstand sie, wie weit man denken darf, wenn man sich einmal traut, den Blick über die juristische Disziplin hinaus zu öffnen.
Was Legal Design für sie bedeutet
Fragt man sie heute, wie sie Legal Design beschreibt, beginnt sie nicht mit technischen Methoden oder Tools. Für sie ist Legal Design vor allem eine Einladung: eine Öffnung des Rechts für andere Disziplinen, andere Sichtweisen, andere Lebensrealitäten. Recht wird nicht nur angewendet, sondern gemeinsam entwickelt. Es wird zugänglicher, verständlicher und gerechter, wenn diejenigen einbezogen werden, die davon betroffen sind.
Legal Design bedeutet für sie, das Recht nicht als festes Objekt zu betrachten, sondern als lebendiges System, das ständig im Austausch mit der Gesellschaft steht. Es setzt voraus, dass man die Komplexität ernst nimmt, die hinter jedem Gesetz, jeder Norm und jedem Verfahren steckt. Man beginnt nicht bei der Lösung, sondern beim Problem. Man fragt: Für wen soll das Recht funktionieren? Wo funktioniert es heute nicht? Was müsste passieren, damit Menschen nicht an Formularen, Verfahren oder Strukturen scheitern, bevor sie überhaupt zu ihrem Anspruch gelangen?
Gerade am Beispiel digitaler Verwaltungsprozesse wird das deutlich: Ein BAföG-Antrag könnte materielle Regeln unverändert lassen – und dennoch gerechter werden, wenn Daten intelligent verknüpft würden und Menschen nicht alles selbst zusammensuchen müssten. Recht verändert sich nicht im Text, sondern in der tatsächlichen Zugänglichkeit. Für sie ist genau das transformative Rechtsgestaltung.
Recht ist nicht neutral – und genau darin liegt das Potenzial
Ein Gedanke, der immer wieder auftaucht, ist ihre Überzeugung, dass Recht nicht neutral ist. Es wird von Menschen geschrieben, die eigene Annahmen, blanko Flecken und Begrenzungen mitbringen. Reichweiten von Normen, Antragsverfahren, Hürden und Formulierungen entstehen oft aus Routinen, nicht aus reflektierten Entscheidungen.
Für sie ist es entscheidend, genau dort anzusetzen. Wenn Recht nicht neutral ist, dann ist es auch gestaltbar. Dann können wir bewusst entscheiden, welche Stimmen fehlen, welche Erfahrungen berücksichtigt werden sollten und wie Verfahren aussehen müssen, damit Recht tatsächlich wirkt.
Sie erzählt von Übungen wie dem „Society Simulation Game“, in dem Personen ohne Wissen über die Rollen der anderen entscheiden müssen, wer in einem Raum welche Position einnimmt. Bei Politikerinnen und Juristinnen, die solche Methoden zum ersten Mal erleben, entsteht oft ein Aha-Moment: Ihnen wird bewusst, wie viele Annahmen sie über andere Menschen treffen – und wie sehr diese Annahmen ihr juristisches Handeln prägen.
Solche Erkenntnisse sind für sie der Kern von Legal Design.
Das Leuphana Law Lab als Experimentierraum für Zukunftsrecht
Aus diesen Erfahrungen heraus entstand das Leuphana Law Lab – ein Ort, an dem Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen gemeinsam erkunden, wie Recht als Hebel für Nachhaltigkeitstransformation genutzt werden kann. Anfangs schien das Ziel klar: Recht sollte genutzt werden, um nachhaltige Veränderungen anzustoßen. Doch schnell wurde deutlich, wie unterschiedlich Nachhaltigkeit verstanden werden kann und wie vielschichtig die Themen sind.
Statt einer engen Definition entschied sie sich deshalb für eine offene Herangehensweise. Legal Design wird im Law Lab zuerst als Arbeitsweise vermittelt. Studierende sollen selbst entdecken, wo sie wirken wollen: im Text des Rechts, im Verfahren, im Zugang, in der Kommunikation, im gesellschaftlichen Dialog oder in institutionellen Strukturen. Dadurch entsteht ein Raum, in dem Recht nicht nur gelernt, sondern erprobt wird. Die Studierenden dürfen ausprobieren, scheitern, neu denken, Methoden testen und ihre Rolle in der Rechtsgestaltung finden.
Dabei entstehen jedes Semester Projekte, die nicht nur universitäre Übungen sind, sondern oft eine reale Wirkung entfalten. Gleichzeitig zeigt das Lab, dass juristische Ausbildung mehr sein kann als Wissensvermittlung. Es kann ein persönliches „Awakening“ sein – ein Moment, in dem man erkennt, wie viel Gestaltungskraft im Recht steckt.
Wohin geht die Reise?
Wenn sie in die Zukunft blickt, wünscht sie sich, dass Legal Design in Deutschland nicht nur ein Zusatz bleibt, sondern als Teil juristischer Ausbildung anerkannt wird. Erste Anzeichen gibt es bereits: Universitäten öffnen sich, externe Partner zeigen Interesse, und das Law Lab selbst wird zunehmend sichtbarer.
Langfristig träumt sie davon, dass sich ein eigenständiges Feld entwickelt – getragen von vielen Menschen, nicht nur einzelnen Pionier*innen. Ein Netzwerk aus juristischen, künstlerischen, politischen und gesellschaftlichen Stimmen, die gemeinsam daran arbeiten, wie Recht gerechter, zugänglicher und wirksamer werden kann.
Ein Blog, der genau hier ansetzt
Mit diesem Blog möchten wir genau dort weitermachen. Wir wollen Einblicke geben in die Welt des Legal Designs und der transformativen Rechtsgestaltung, Beispiele teilen, Stimmen sichtbar machen, Projekte vorstellen und Studierenden zeigen, dass Recht mehr sein kann, als sie bisher kennen.
Es gibt unzählige Geschichten, Methoden, Herausforderungen und Momente, die zeigen, dass Recht gestaltet werden kann. Und wir möchten sie hier erzählen.
Willkommen beim ersten Beitrag.
Willkommen im Experimentierraum.
Willkommen in einer juristischen Zukunft, die wir gemeinsam gestalten können.
Das Gespräch hat geführt: Dana Vidgofa